GUT DING BRAUCHT…

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Artikel erschienen im SKIN 09/15 Seite 24.


 

 

Matthias Bauer mag über die Stundenzahl, die Haus 36 an Arbeitszeit verschlungen hat, seit 2010, lieber keine Auskunft geben. Ich hätte ihn fragen sollen, in welchem Verhältnis sein Investment zu jenem der Bauherrschaft steht und wie es sich mit seinem Return on Investment (ROI) verhält.

 

EINFAMILIENHÄUSER ZU PLANEN IST SELTEN LUKRATIV, MANCHMAL JEDOCH RENTABEL; INSBESONDERE DANN, WENN EINE MITTEILUNG ARCHITEKTONISCH AUSGEREIFT DEN ZAHN DER ZEIT TRIFFT.

 

Haus 36 spricht, laut und deutlich. Und die Nachricht um die Fertigstellung des ausdrucksstarken monolithischen Hauses traf präzis in den Fluss der Schreckensmeldungen um lodernde EPS-Fassaden. Damit sei der Gong zur WDVS-Wende geschlagen.

 

MATTHIAS BAUER PLANTE EIN MONOLITHISCHES HAUS AUS DÄMMBETON.

 

Erst für sich selbst, dann doch für eine Bauherrschaft. Innen wie außen Sichtbeton, einschalig betoniert. Weder ist er der erste oder einzige Architekt mit solch einem Projekt, noch hat Technolith, so nennt sich der verwendete Beton mit Glasschaumgranulat, eine Monopolstellung am Markt. Im Gegenteil. In Fachkreisen ist Maik Schlaich, Professor an der TU Berlin, mit seinem Infraleichtbeton ein Vorreiter der Dämmbetonszene. Bereits 2007 realisierte er auf dem Prenzlauer Berg in Berlin ein Wohnhaus in monolithischer Betonbauweise. Ein schlichter Kubus, geplant und ausgeführt als Demonstrationsprojekt für seine Betonerfindung. Matthias Bauer hatte keinen solchen Materialbeweis zu erbringen.

 

IHN REIZTE DAS MATERIAL, DIE IDEE, DIE MÖGLICHKEIT, DAS VORHERRSCHENDE SYSTEM DER STYROPORUMMANTELUNG ERSATZLOS WEGZULASSEN.

 

Weg vom WDVS. Ein Guss, fließende Flächen und puristische Materialsprache. Technolith bot sich dafür an. Einige Objekte in der Schweiz waren bereits mit dieser Dämmbetonrezeptur realisiert worden. Der Beton war konstruktiv und bauphysikalisch erprobt. Darauf aufbauend galt es, Material, Detail und Entwurf zu harmonisieren, um einen Schritt weiter zu kommen – vom vorsichtigen Gebrauch zur spielerischen Anwendung. Es galt also, sich schrittweise voranzutasten, kein Planen in Tagesroutine, sondern ein kontinuierliches Abfragen der Realisier-barkeit.

Die erste Aufgabe galt der Bauphysik. 2009 wurde die Energiesparverordnung in Deutschland verschärft.

 

MIT WANDSTÄRKEN VON 45 ZENTIMETERN UND EINER PLATTENDICKE VON 50 ZENTIMETERN AUF DEM DACH KONNTEN DIE ERFORDERNISSE DER ENERGIESPARVERORDNUNG BEI EINEM RECHNERISCHEN ENERGIEBEDARF VON 34 KWH/(M2A) GUT BEDIENT WERDEN.

 

Damit liegt das Haus irgendwo zwischen Niedrigenergie- und Passivhaus. Der tatsächlich gemessene Energiebedarf liegt nochmals darunter. Auch der Hersteller betont, dass erst eine dynamische Berechnung den Leistungen des Dämmbetons gerecht werden könnte. Eine Thematik, die auch beim Gegenspieler des Betons – dem Holzbau – immer wieder aufgeworfen und dann doch nicht stringent bis zur Normierung verfolgt wird. Im Sommer wirkt die Betonmasse als guter Speicher, Temperaturspitzen gibt es aufgrund der großflächigen Verglasungen allerdings dennoch. Mit einer Betonkernaktivierung lässt sich ein Temperaturanstieg gut abfedern, eine Klimaanlage wird nicht benötigt. Was Matthias Bauer hier noch ergänzt und sogar mehrfach betont, ist das gute Raumklima. Der diffusionsoffene Beton reguliert den Feuchtigkeitsgehalt und schafft eine angenehme, gute Raumluft.

 

Für die statischen Berechnungen wurde das Stuttgarter Büro RFR Group beauftragt. Die Druckfestigkeit des Technolith liegt bei 10,9 N/mm2, ausreichend, um tragende Funktionen zu übernehmen. Am Haus 36 wird gut vorgeführt, wie auch eine niedrige Leistungsklasse geschickt inszeniert werden kann. Die etwas verzogene Betonhaube, man stelle sich vor, ein Marionettenspieler hätte an den vier Eckpunkten gewerkt, lagert nur auf eineinhalb Wandlängen, schwebt an drei Gebäudeseiten über raumhoch, flächenbündig gesetztem Glas. Das gibt dem Baukörper eine Schärfe, klare Konturen und Schnittführungen, die auch im Innenraum die Ausblicke prägnant rahmen.

 

ABSEITS DER MATHEMATISCHEN SIMULATIONEN FÜR BAUPHYSIK UND STATIK LAG DANN ABER DIE EIGENTLICHE ARBEIT. DIE FESTLEGUNG DER ANWENDUNGSTECHNISCHEN PARAMETER UND DIE ÜBERTRAGUNG IN EIN PFLICHTENHEFT, DAS NICHT NUR DIE TECHNISCHEN, SONDERN AUCH DIE ÄSTHETISCHEN ANSPRÜCHE ERFÜLLT.

 

Matthias Bauer hatte sich in der Betongestaltung für den Abdruck sägerauer Holzbretter entschieden. Die Betonmassen sollten robust und roh auftreten; die horizontale Brettführung sollte den Entstehungsprozess, das Einfüllen, Schichten der Masse abbilden. Auch die geneigten Dachflächen unterliegen dieser Gestaltungsvorgabe. Dazu musste die Betonfüllung Hand in Hand mit der außenliegenden Schalung verarbeitet werden.

 

Insgesamt wurden unzählige Betonproben erstellt, in denen Anteil und Korngrößen des Glasschaumschotters sowie der Luftporenanteil des Leichtbetons für die spezifischen Anforderungen optimiert wurden. Auch mit Pigmentzusätzen wurde experimentiert. Schließlich wurde an einer Probewand auch das Verdichtungs- verhalten getestet und die Machbarkeit der Bullaugenbohrungen überprüft. Letzteres gibt dem Bauwerk neben all den einzelnen sorgfältig gewählten Form- und Gestaltungselementen das besondere i-Tüpfchen, denn die präzisen Schnittflächen machen den Beton lebendig, zeigen sein Innenleben, den unregelmäßig verteilten Glasschaumschotter, die unterschiedlichen Korngrößen, die Offenporigkeit und dann natürlich auch die Materialstärke. Auch in der Dachfläche finden sich diese Bullaugen, und zur zusätzlichen Akzentuierung wurde die Verglasung teils innenliegend, teils außenbündig gesetzt.

 

Daneben gab es ganz normale „materialspezifische Charakteristika“ wie etwa die enorme Hitzeentwicklung des Betons während des Abbindens, die mitunter Installationsrohre zum Schmelzen bringen kann, die Wassereindringtiefe von zirka drei Zentimeter, gepaart mit feinen Rissbildungen zwischen den Granulatbrocken, in den Griff zu bekommen. Nach all diesen Sonderthemen begann erst die eigentliche Detailplanung, die sauberen Anschlüsse, Materialübergänge, der Innen- ausbau, den Matthias Bauer bis hin zum völlig transparenten Waschbecken, einer Betondeckenbadewanne oder den freischwingenden Stiegen individualisiert hat.

 

HAUS 36 IST ANGEWANDTE FORSCHUNG. DER BETRIEBENE UND SO DEUTLICH ERKENNBARE MEHRAUFWAND WIRKT SCHWEISSTREIBEND.

 

Ein Büro muss es sich leisten können, solche Wege zu beschreiten. Da drängt sich auf die Frage, weshalb in der Architektur entsprechende Förderprogramme für experimentelles Bauen schlichtweg nicht existieren. Denn, um es mit Bauers Worten zu sagen: „Es ist eine romantische Vorstellung zu denken, eine Bauherrschaft würde das Experimentelle oder gar eventuelle Mängel großzügig mittragen.“ Bleibt ihm zu wünschen, dass sich die Investition in dieses markante Einfamilienhaus lohnend abzeichnet.


 

 

PROJEKTDATEN

Einfamilienhaus 36, Stuttgart
Bauherr: privat
Architekt: MBA/S Matthias Bauer Associates
Tragwerksplanung: RFR Group
Techn. Gebäudeausrüstung: Schöllhammer Energie-Systeme
Fassadenberatung und Bauphysik: VS-A
Energieberatung: Transsolar
Landschaftsarchitekten: Glück Landschaftsarchitektur
Lichtplanung: .PSLAB
Hersteller
Dämmbeton: Technopor
Holzelemente: FSC-Sipo-Mahagoni
Mineralwerkstoff: HI-MACS®
Nutzfläche: 323 m²
Bruttogrundfläche: 465 m²
Bruttorauminhalt: 1.050 m³
Errichtet: 2014


 

 

 

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Innen wie außen Sichtbeton: Das „Haus 36“ wurde einschalig betoniert. Glasschaumgranulat verleiht der Hülle seine dämmende Funktion.

Copyright: Roland Halbe


 

 

 

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Copyright: Roland Halbe

Für Bauer bestand der Reiz darin, das vorherrschende System der
Styroporummantelung ersatzlos wegzulassen und stattdessen ein
Gebäude wie aus einem Guss mit fließenden Flächen umzusetzen.