SO DÜNN

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Artikel erschienen im SKIN 09/15 Seite 32.


 

Die jüngsten Empfehlungen der Ernährungswissenschaftler verweisen auf Lebensmittel mit hoher Nährstoffdichte. Daraus folgt der Trend zu neuen Superfoods und plötzlich findet man Chia Samen in Beeren Limonade (gesehen bei Joseph Brot). Das wirft die Frage auf, ob wir in der Architektur ebensolche Ingredienzen für das Bauen finden können, 

 

PRODUKTE UND SYSTEME MIT HOHER MATERIALEFFIZIENZ, DÜNN UND LEISTUNGSSTARK.


 

 

Da steht dieses Haus in Mönchhof, mitten in einem Schwimmteich. Es ist formal ein bisschen eigenwillig, hat eine skulpturale Sprache und ist ganz in Weiß gepackt. Kanten und Flächen heben sich mit deutlichen Kontrasten voneinander ab. Erst auf den zweiten Blick begreift man, dass diese Akzentuierung durch Licht und Schatten nur über die homogene Materialität so zum Ausdruck kommen kann. Es ist alles weiß. Ungeachtet der Lage oder Neigung einer Fläche, auch horizontal und über Kopf, alles ist aus einem Guss. Verblechungen fehlen, Dachrinnen sieht man nicht, als hätten die Architekten – ad2 architekten – versucht, auf sämtliche Details schlichtweg zu verzichten. Möglich ist dies durch ein relativ junges Elastomer.

 

 

POLYUREA, POLYHARNSÄURE. ERST IN DEN 1990ER-JAHREN WURDE DAFÜR EIN PATENT ANGEMELDET.

 

Es ist eine Zweikomponentenbeschichtung, die im Spritzverfahren aufgetragen wird und eine dicht vernetzte Folie bildet. Mit ihren ausgezeichneten Eigenschaften kommt sie bevorzugt bei industriellen oder infrastrukturellen Anwendungen zum Einsatz.

 

SIE IST HOCHREAKTIV, HÄRTET BINNEN SEKUNDEN AUS, IST LÖSUNGSMITTELFREI, UV-BESTÄNDIG, CHEMISCH RESISTENT, WASSERDICHT, LEICHT DIFFUSIONSOFFEN, SCHWERENTFLAMMBAR, NICHTTROPFEND UND VOR ALLEM DAUERHAFT ELASTISCH, MIT EINER DEHNFÄHIGKEIT VON BIS ZU 500 PROZENT UND EINER REISSFESTIGKEIT BIS ZU 30 N/MM2.

 

Vor allem bei komplexen oder organischen Formen gibt die Spritzfolie die Möglichkeit einer fugenlosen, homogenen Fassadenhaut. In Österreich hat sich das Unternehmen Flexiskin auf die Anwendung an Fassade und Dach spezialisiert, wobei der Anspruch einer gleichmäßigen Schichtstärke mit schönem Erscheinungsbild und garantierter Dichtheit nur über eine jahrelange Spezialisierung der Arbeiter auf diese besondere Spritztechnik erfüllt werden kann. Erst wenige Fassaden wurden mit Polyurea in Österreich ausgeführt, und experimentelle Ansätze, wie sie PPAG vor vielen Jahren am Haus mit der Elefantenhaut in PU vorzeigten, sind noch unangetastet.

 

In der Kategorie dünn für Fassaden zieht eine weitere leistungsstarke Folie derzeit Aufmerksamkeit auf sich:

 

HELIAFILM®, EINE ORGANISCHE FOTOVOLTAIKFOLIE. HELIATEK IST MIT EINER ZELLEFFIZIENZ VON ZWÖLF PROZENT MARKTFÜHREND IM BEREICH DER ORGANISCHEN FOTOVOLTAIK (OPV). 

 

Damit hält das Unternehmen die Hoffnungen aufrecht, zukünftig transluzente oder sogar transparente PV unkompliziert und frei gestaltbar an Gebäuden zu integrieren. Dies geschieht derzeit in Singapur auf einer Testfläche von zirka 220 Quadratmetern in einer Art, dass die Folien direkt auf bestehende Bauteile geklebt werden. Das Nachrüsten geschieht also nicht, wie man vermuten möchte, über einen großflächigen Fassadentausch, sondern über eine Applikation am Bestand. Das Pilotprojekt soll Erfahrungswerte über Haftung, UVResistenz, Dauerhaftigkeit und natürlich Messwerte zur Effizienz liefern. Eine besondere Herausforderung stellt das tropische Klima dar. Bei konventioneller Siliziumtechnologie leidet die Effizienz unter den hohen Temperaturen. Wenn sich die Solarfolien von Heliatek hier wie erwartet ohne Verlust verhalten, könnten sich insbesondere in heißen Regionen neue Märkte auftun, die der OPV zum Durchbruch verhelfen.

 

RICHTIG INTERESSANT WIRD DAS THEMA DER SCHLANKEN GEBÄUDEHAUT ALLERDINGS DORT, WO NICHT MEHR NUR DIE ÄUSSERSTE MEMBRAN BETRACHTET WIRD, SONDERN DIE GESAMTE AUSSENWAND AUF IHRE MINIMALSTE STÄRKE REDUZIERT WIRD.

 

Wir hier in Österreich leben in einem Raumluxus. Eine Außenwand zur Einhaltung von Energiesparverordnungen mit 50 Zentimetern und mehr zu errichten, erscheint nicht sonderlich tragisch. Nimmt man jedoch Paris zum Vergleich, wo 18 Quadratmeter in der Vermietung zum selben Preis angeboten werden wie in Wien 80 im Sozialen Wohnbau, so wird der Gedanke, eine drastische Reduktion der Dämmstärken zu erzielen, relevant.

 

DRASTISCH MEINT: VON 50 AUF 12 ZENTIMETER. BEI EINER AUSSENWANDLÄNGE VON DREI METERN ENTSPRÄCHE DIES BEREITS MEHR ALS EINEN QUADRATMETER RAUMGEWINN.

 

Die FKN-Gruppe zeigt hier ein erstes Modul vor mit einer

 

AUFBAUSTÄRKE ZWISCHEN 9 UND 12 ZENTIMETERN, EINEM U-WERT ZWISCHEN 0,13 BIS 0,20 W/M2K, EINEM SCHALLSCHUTZ VON 41–49 DB, SCHWERENTFLAMMBAR, C S1 D0 UND VOR ALLEM: EINEM AUSSERORDENTLICHEN SCHUTZ VOR SOMMERLICHER ÜBERHITZUNG.

 

Das Fassadensystem bedient sich Hochleistungsmaterialien, die – jedes für sich – leistungsstark sind, jedoch erst im Zusammenspiel das gewünschte Ergebnis erzielen. Kern des Systems – und Wärmedämmbooster – ist ein Vakuumisolationspaneel (VIP). Bei einer fünffachen Wärmedämmleistung gegenüber einem herkömmlichen Dämmstoff fallen bereits wenige Zentimeter ins Gewicht. Gebettet werden diese in die neuartige Dämmmatte Calostat ®. Auch sie trägt mit einer Wärmeleitfähigkeit von =0,019 W/(mK) gut zur Gesamtleistung bei, bringt allerdings noch weitere relevante Vorzüge mit sich. Calostat ist hydrophob. Es nimmt keine Feuchtigkeit auf. Daraus ergibt sich eine temperaturunabhängige konstante Dämmleistung. Sie ist es, die selbst bei fehlender Masse vor sommerlicher Überhitzung schützt. Darüber hinaus ist sie rein mineralisch (Siliziumdioxid), also recycelbar, nichtbrennbar und frei von Fungiziden, Pestiziden usw. Das Fassadenelement schließt seitlich mit einem Alurahmen ab, innen und außen mit Plexiglas®-Mineral.

 

Eine Variante des sogenannten CT-Paneels der FKN-Gruppe mit nur einseitig angebrachtem Plexiglas®-Mineral zur Sanierung von Bestandsfassaden wurde in Basel bereits erfolgreich baulich eingesetzt.

 

DER TAUSCH EINER BESTEHENDEN DÄMMUNG IN EINEM HINTERLÜFTETEN FASSADENSYSTEM ERGAB EINEN NEUEN U-WERT VON 0,17 W/M2K BEI NUR 7,2 ZENTIMETERN DÄMMSTÄRKE. 

 

Die Lage der Außenhaut blieb unverändert. Das sind erstaunliche Leistungen, die andeuten, wie sehr sich das Bauen im Kontext des Klimawandels von Altbekanntem wegbewegen kann.


 

 

ad2 architekten ZT KG – Arch. DI Andreas Doser T +43 660 560801 und Arch. DI Andrea Dämon T +43 660 5602600 – Weinberggasse 10; A-7121 Weiden/See; 5; 

www.ad2-architekten.at 


 

 

 

FLEXISKIN GmbH, Herr Rojek; Nechanskyweg 2,A-1220 Wien; T +43-2856 27327-0; www.flexiskin.at


 

 

Heliatek GmbH; Treidlerstraße 3; D-01139 Dresden; T +49 351 213 034; www.heliatek.com


 

 

FKN FASSADEN GmbH & Co. KG; Kirchensaller Straße 36; D-74632 Neuenstein; T +49 7942 106-132; www.fkn-gruppe.de

 

Siehe dazu in unseren Vorträgen MATERIAL FÜR DIE ZUKUNFT YOUTUBE


 

 

Evonik Industries AG; Rodenbacher Chaussee 4; D-63457 Hanau-Wolfgang; T +49 6181 59-0; www.calostat.de


 

 

 

 

 

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Aus einem Guss: Haus in Mönchhof von ad2 architekten, Fassade: Flexiskin, Polyurea, Fotos: ad2 architekten


 

 

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Transluzente organische Photovoltaik (OPV) und „normale“ OPV von Heliatek, gesehen auf der Glasstec, Düsseldorf 2012. Fotos: OFROOM


 

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Seletar Walkway beim Flughafen-Gebäude – Baustellenfotos vom
Aufkleben der Heliatek Solarfolien, Foto: Heliatek


 

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Singapur, Cleantech Park 1, an dessen Fassade die OPV von Heliatek, HeliaFilm®, appliziert ist. Foto: Heliatek


 

 

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CT-Hochleistungsfassaden-Paneel. Bei einer Aufbaustärke von
12 cm ergibt sich so ein U-Wert von 0,13 W/m2K (Plexiglas® Mineral
(Evonik), Calostat® (Evonik), VIP – Vakuumisolationspaneel (Porextherm),
Calostat® (Evonik), Plexiglas® Mineral (Evonik). Foto: FKN