DIE GESCHICHTE DES ROMANZEMENTS

FO_07-915_028_Romanzement

Artikel erschienen im FORUM Ausgabe 07 September 2015, Seite 28, Text: Christine Bärnthaler


 

Kaum eine Menschenseele, die an einem Strand flaniert, tut dies ohne ein Steinchen, eine Muschel oder ein angeschwemmtes Holzstück aufzuklauben. So auch

 

JAMES PARKER IM JAHR 1796. KUGELIGE STEINE, DIE SICH AM STRAND GESAMMELT HATTEN, VON DENEN AUCH IN DEN KLIPPEN WELCHE AUS DEM GESTEIN RAGTEN, HATTEN SEINE AUFMERKSAM-KEIT GEWONNEN. MERGELKNOLLEN, 

 

am Strand der Insel Sheppey in England. Parker nahm welche mit. Ohne konkrete Absicht warf er zu Hause einen Stein ins lodernde Kaminfeuer und das Rezept für natürlichen Zement – roman cement – war geboren.  So einfach ist auch die Produktion. Das Patent folgte im selben Jahr.

 

Etwa 40 Jahre davor, um 1756,  suchte John Smeaton für den Bau eines Leuchtturms ein hydraulisches – also unter Wasser – und schnell härtendes Bindemittel, um den Sockel zwischen den Gezeiten auf einem Fels im Meer setzen zu können.

 

SEINE SUCHE NACH UNTERSCHIEDLICHEN ZUSCHLÄGEN UND KALKSTEINVORKOMMEN RESULTIERTE IN DER ERKENNTNIS, DASS DIE HYDRAULIZITÄT DES KALKS IN DIREKTER ABHÄNGIGKEIT ZUM TONGEHALT IM KALKSTEIN (ALSO DES MERGELS) STEHT.

 

Weiter hat Smeaton das Thema nicht verfolgt. Er bezeichnete sich als Zivilingenieur, gründete die „Society of Civil Engingeers“ in England und gilt als Vater aller Zivilingenieure.

 

SMEATON UND PARKER, BEIDE ENGLÄNDER, WERDEN IN DER LITERATUR ABWECHSELND FÜR DIE ERFINDUNG DES ROMANZEMENT GENANNT. 

 

Es war eine Zeit des Aufbruchs. 1804 wurde die erste Dampflokomotive in Betrieb genommen, der Brückenbau boomte. Die Metropolisierung der Städte setzte an.

 

1817 BEGRÜNDETE LOUIS VICAT IN FRANKREICH DIE THEORIE DER HYDRAULIZITÄT UND LEGTE DAMIT DEN GRUNDSTEIN FÜR KÜNSTLICH HERGESTELLTEN ZEMENT. JOSEPH ASPDIN MELDETE 1824 DAS PATENT FÜR DEN PORTLANDZEMENT AN

 

und damit war die kurze Blütezeit des ROMANZEMENT auch schon fast wieder vorüber. In England. Während man in der österreichischen Monarchie gerade erst anfing, gefallen zu finden an dem sehr schnell, binnen weniger Minuten, je nach Wassergehalt nur 3-4 Minuten, maximal 15 Minuten, abbindenden Zement. Im Gegensatz zum braunen englischen Mergel hatte der österreichische eine angenehme Farbe in hellem Ocker die dem Ringstraßen-Sandstein aus dem Bruch St. Margarethen farblich sehr nahe kam. So sehr, dass es auf die Entfernung einem Laien nicht sicher möglich war zu erkennen, ob ein Ornament aus Stein gemeißelt oder aus ROMANZEMENT gegossen war. 

 

DAMIT BEGANN DIE SERIELLE PRODUKTION DES ORNAMENTS. DER BILLIGE UND EINFACH ZU BEFESTIGENDE BAUSCHMUCK AUS GUSS WURDE FÜR JEDEN BAUHERRN LEISTBAR. EINE KOINZIDENZ, DASS DIE ERFINDUNG DES ROMANZEMENT MIT DEM BAUBOOM IN DER MONARCHIE ZUSAMMEN FIEL.

 

Nicht nur in Wien, wo heute geschätzt wird, dass ca. 80% der Gründerzeit-Ornamente aus Romanzement gegossen sind, auch in Lemberg und Krakau bestimmt der Naturzement das Stadtbild.

 

PROMINENTESTES BAUWERK IN WIEN MIT FENSTERUMRAHMUNGEN UND ECKRISALITE AUS RZ IST DAS GESCHÄTZTE ATELIERHAUS DER AKADEMIE DER BILDENDEN KÜNSTE WIEN, GENANNT SEMPER DEPOT. 

 

Eines der am schönsten original erhaltenen Bauwerke mit einer Romanzement Fassade europaweit befindet sich lt. Professor Dr. Johannes Weber in der Reithlegasse 10, im 19. Wiener Bezirk.

 

MIT HERRN PROFESSOR DR. JOHANNES WEBER VON DER UNIVERSITÄT FÜR ANGEWANDTE KUNST BEGINNT DER ZWEITE TEIL DER GESCHICHTE DES ROMANZEMENTS, DIE EBENSO ZUFÄLLIG BEGANN, WIE DIE ENTDECKUNG DIESES HYDRAULISCHEN BINDEMITTELS VOR ETWAS MEHR ALS 200 JAHREN.

 

Ein Chemiker der Bautechnischen Prüf- und Versuchsanstalt GmbH der Universale kam auf Herrn Professor Weber zu mit der Bitte um Auskunft bezüglich des „eigenartigen Materials an den Wiener Gründerzeit Fassaden, das außen steinhart und innen so porös“ sei. Professor Weber hatte zuvor im Rahmen eines Gutachtens für das Semper Depot um 1993 selbe Materialbeschaffenheit bereits festgestellt. Es wurde ein knapp 3 Jahre dauerndes Forschungsprogramm initiiert. Zwei weitere mit umfassender europäischer Beteiligung folgten. Erstes, ROCEM, zur Erfassung und Erforschung der Beschaffenheit und Präsenz des Romanzement im historischen Bestand, zweites ROCARE dann zum Wissenstransfer und zur Wiederbelebung der Technologie und Integration in die Praxis der Restauration. Denn – das Wissen um Romanzement war verloren gegangen. Obwohl das Bindemittel anfangs auch konstruktiv eingesetzt wurde, z.B. am Themse Tunnel (1825-43), oder in Frankreich in der Villa „La Casamaures“ (1855-67) hatte Portlandzement trotz teurer und aufwändiger Produktion schnell den konstruktiven Einsatz für sich gewonnen. Romanzement härtet binnen weniger Minuten aus, benötigt dann jedoch Jahrzehnte, um seine Endfestigkeit zu erreichen. Für das Gießen von Ornament und Figuren durchaus ideal. So können Schablonen und Formen praktisch ohne Zeitverlust pausenlos neu befüllt werden. Im konstruktiven Bereich ist die kurze Verarbeitungszeit aber natürlich hochproblematisch.

 

DIE KRITIK AM ORNAMENT, DER BEGINN DER MODERNE UND SCHLIESSLICH DER 2. WELTKRIEG, ERKLÄRTEN DEN ROMANZEMENT ALS ÜBERFLÜSSIG. LÄNGST HATTE SICH AUCH IN KONTINENTALEUROPA DER PORTLANDZEMENT DURCHGESETZT.

 

Die Mergelsteinbrüche wurden geschlossen, die Öfen sind längst nicht mehr erhalten. Drei Produzenten für Romanzement konnte Prof. Weber inzwischen ausfindig machen: Vicat in Grenoble, gegründet vom Sohn jenes Louis Vicat, der die Hydraulizität theoretisch erfasste, Tigre Cementos und Cementos Collet in Spanien.

 

AUF BASIS DIESER UMFASSENDEN FORSCHUNGS- UND VERMITTLUNGSARBEIT, DIE IN DEN LETZTEN 20 JAHREN VON – UND AUF INITIATIVE VON – HERRN PROF. DR. WEBER GELEISTET WURDEN, KONNTE INZWISCHEN EINE ÜBERZEUGENDE REIHE VON RESTAURATIONSARBEITEN IN ÖSTERREICH, POLEN UND DEUTSCHLAND REALISIERT WERDEN.

 

Dabei werden alte Techniken wie z.B. der Rieselputz mit eingeworfenem buntem Kies, oder z.B. originale Farbkonzepte neu entdeckt. In Innsbruck wurde von Peter Bucher kürzlich eine 138 Meter lange Einfriedung für die ÖBB mit Romanzement originalgetreu neu erstellt. Auch die Materialeigenschaften des Romanzement wurden neu erfasst und die Kenntnisse erweitert. Die Frage der Reintegration des natürlichen Zements im Bauwesen über das Maß als Putz oder Gusszement zur materialgetreuen Restauration drängt sich auf.

 

NACH WIE VOR IST DIE PRODUKTION EINFACH UND KOSTENGÜNSTIG. MERGEL – EIN GESTEIN AUS KALK UND TON – WIRD IM NIEDERTEMPERATURVERFAHREN BEI 700-1000°C GEBRANNT, ANSCHLIESSEND ZU FEINEM PULVER VERMAHLEN. 

 

Die Qualitäten durchaus interessant: Diffusionsoffenheit, außerordentliche Endfestigkeit bei ca. 70 N/mm2 (allerdings nach Jahrzehnten oder kontinuierlicher Wasserberührung), außerordentliche Witterungsbeständigkeit, porendicht nach Verwitterung an der Oberfläche, offenporig im inneren, leicht, wärmedämmend und – wie wir an Wiens Fassaden gut feststellen können: langlebig.


 

 

Umfangreiche Informationen können nachgelesen werden auf: www.rocare.eu und www.cimentetarchitecture.com


 

 

Univ. Prof. Dr Johannes Weber, Institut für Kunst und Technologie / Naturwissenschaften in der Konservierung, Salzgries 14/1, A-1013 Wien, T +43 1 71133/4825, Johannes.weber@uni-ak.ac.at


 

 

Atelier Gurtner Wien, Mag.art.  Christian Gurtner, akad. Restaurator, Zirkusgasse 39, 1020 Wien, 

www.ateliergurtner.at


 

 

Ing. Peter Bucher Dachplattenmanufaktur, Walchau 37, 6391 Fieberbrunn, 05354/52131, info@bucherplatte.com, 

www.bucherplatte.com


 

 

BIS ZUM 15.11. ZEIGEN WIR DIE BETON AUS-STELLUNG MIT WUNDERSCHÖNEN ROMANZEMENT MUSTERN NOCH IM OFROOM.

Bawling_balls_beach_3

Bowling Balls Beach in Mendocino County, Kalifornien, USA, Strand mit Mergelknollen. Foto: Wikimedia Commons /
Brocken Inaglory


 

 

vor-Freilegung

Historischer Rieselkies im Sockelbereich vor der Freilegung,
Wien. Foto: Christian Gurtner / Atelier Gurtner


 

nach-Freilegung

Historischer Rieselkies im Sockelbereich nach der Freilegung,
Wien. Foto: Christian Gurtner / Atelier Gurtner


 

Praterstrasse-33-Freilegung-(A.-Deskoski)

RZ in der Praterstraße, Freilegung. Wien. Foto: Christian Gurtner / Atelier Gurtner


photo-9_agw (C. Gurtner)photo-9_agw (C. Gurtner)

photo-9_agw-(C 

Unterschiedliche Herkunft, unterschiedliche Farben. Romanzement. Foto: Christian Gurtner / Atelier Gurtner 

 

photo-12_agw-(C

Gussform. Binnen weniger Minuten, wenn nicht sogar Sekunden, härtet der Romanzement aus. Um seine Endfestigkeit zu erreichen braucht er Jahrzehnte. Foto: Christian Gurtner / Atelier Gurtner

 


Reithlegasse-10-(Weber)-1

Reithlegasse, 1190 Wien. Vermutlich das am schönsten erhaltene Gebäude mit Romanzement Ornament in Wien. Foto: Prof. Johannes Weber


 

DSC04919

Neu mit alter Technik erbaut: Einfriedung ÖBB, Innsbruck. Ing. Peter Bucher Dachplatten-manufaktur. Foto: Peter Bucher


 

DSC06973

Für die OFROOM BETON Ausstellung, präsentiert auf der Architect@Work in der Stadthalle Wien, September 2015, erstellte uns die Ing. Peter Bucher Dachplattenmanufaktur einen RZ Ziegel, eine Bodenplatte (gefällt uns am besten) und eine S-Platte. Foto: Peter Bucher