BOTOX FÜRS HAUS

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Artikel erschienen im FORUM, SKIN, Wirtschaftsverlag, April 2016 S. 19


 

DER AUSTRIAN BRICK AND ROOF AWARD UND DER ZIEGEL IM WANDEL.

 

 

András Pálffy wurde die Aufgabe und Ehre zuteil, das Programm des diesjährigen Wienerberger Architektur-Symposiums mit eingebetteter Preisverleihung zum Austrian Brick and Roof Award zu gestalten. So wurde er zu Beginn der Veranstaltung in der Wiener Secession von der Moderatorin Claudia Reiterer auf die Bühne und zu Wort gebeten. Dort nun geschah es, dass ihm die ungeschickte Frage gestellt wurde, ob er, der Herr Professor Architekt Pálffy, sich denn für einen Stilwunsch eines Bauherrn kaufen lassen würde – anders formuliert natürlich –, aber der Reaktion András Pálffy’s zufolge durchaus so verstanden.

 

DER IN DER ANTWORT ZU FINDENDE ZYNISMUS MACHTE DANN AUCH NICHT MEHR VOR DEM AKTUELLEN ZUGPFERD DES GASTGEBERS, DEM WÄRMEGEDÄMMTEN ZIEGEL POROTHERM W.I PLAN, HALT. DAS SEI „BOTOX FÜRS HAUS“, MEINTE PÁLFFY.

 

Ein Raunen ging durch den Saal. Dann folgte ein langer Nachmittag mit Vorträgen der vier von András Pálffy geladenen Herren, Durchschnittsalter 67,5 Jahre. Dem Titel der Veranstaltung „Werkstoff Ziegel. Architektur im Wandel.“ wurde mit historischen Rückblicken von den Römern bis zu den Ziegelputzern der Nachkriegszeit gerecht. Nott Caviezel, Professor an der TU Wien für „Denkmalpflege und Bauen im Bestand“, war speziell für Geschichten und Ziegelgeschichte geladen worden. Aber auch Adrian Meyer, Gast aus der benachbarten Schweiz, stellte einen Bezug zwischen dem dreischaligen Mauerwerk der Römer mit Opus caementitium im Kern her und erwähnte Peter Zumthor mit dem Museum Kolumba in Köln als Referenz.

 

 

Zumthor entwickelte für diesen Bau mit der Firma Petersen Tegl einen speziellen Lehmziegel mit den Maßen 528 x 108 x 37 mm.

 

BEIM LEHMZIGEL KOLUMBA WURDE AUF HANDWERKSTRADITION UND HISTORISCHES WISSEN ZURÜCKGEGRIFFEN. DER LEHM WIRD HANDGEFERTIGT, IN HOLZSCHALEN GEFORMT, GETROCKNET UND IM ANSCHLUSS GEBRANNT.

 

Aus Kolumba wurde eine Trademark, und seither wird damit weltweit gemauert. Beim Museum Kolumba ließ Zumthor den Kern mit Hohlblockziegeln mauern und den Klinker in überbreite Lagerfugen setzen. Die massive, rein mineralische Außenwand hat bei 60 cm Mauerstärke einen U-Wert von 0,324 W/m2K. Das ist für derzeit fest- geschriebene Anforderungen zu wenig und steht weit hinter dem mit Mineralwolle verfüllten Ziegel von Wienerberger mit einem U-Wert von 0,13 W/m²K (unverputzt) bei 50 cm. Auch Adrian Meyer stellte fest, dass ein von seinem Büro entwickelter Mauerwerksverband mit außenliegendem Backstein und zweireihigem Hohlblock bei 50 cm Wandstärke heute nicht mehr ausreiche. 70 cm wären inzwischen erforderlich. Der Wandel, in dem sich der Werkstoff Ziegel in der Architektur befindet, ist dominiert vom Klimawandel. Dietmar Eberle referierte zu seinem Passivhaus und wurde im Rahmen des Brick Awards mit einem Preis beehrt (alle Auszeichnungen zum Austrian Brick and Roof Award im beigelegten Heft). Arno Lederer schließlich schloss den Kreis mit seinem Passivhaus Museum in Ravensburg, inklusive einer dicken Schicht Botox (für das Museum). Denn zwischen der Außenwand des Museums aus wiederverwendeten Ziegeln und der innenliegenden Betonwand liegt ein Dämmkern von 24 cm.

 

ANDRÁS PÁLFFY HAT MIT SEINEM BOTOX-SAGER JEDOCH ZIEMLICH PRÄZIS DAS DERZEITIGE ANLIEGEN DER ZIEGELHERSTELLER ANGESPROCHEN. MAN WILL DEM WÄRMEDÄMMVERBUNDSYSTEM DEN RÜCKEN KEHREN UND NEUE LÖSUNGEN FÜR EINE MONOLITHISCHE BAUWEISE ANBIETEN.

 

Für dieses Interesse stellt sich der gebrannte Ziegel auch neben die Kollegen der Betonindustrie.

 

DER POROTHERM 50 W.I PLAN FÜHRT DAS FELD AN.

 

Die Hohlkammern sind verfüllt mit Mineralwolle, was den Wärmedämmwert erheblich verbessert. Das Verhältnis von Rohdichte (ca. 620 kg/ m3) und Druckfestigkeit (10 N/mm2) sind ausgewogen und die Wärmedämmwerte bei λ = 0,064 W/mK bzw. daraus resultierendem U-Wert von 0,13 W/m2K (unverputzt) sind herausragend. Inzwischen wurde auch eine zusätzliche Produktgruppe nach selbigem Prinzip für den Geschoßbau eingeführt. Die Qualitäten des gebrannten Ziegels für ein gesundes und angenehmes Raumklima sind unumstritten.

 

SOLID STEHT DER PORENBETON, YTONG, NEBEN DEM KLASSISCHEN ZIEGEL. IN ÖSTERREICH WIRD ER WENIG GESCHÄTZT, OBWOHL MARKTFÜHRER IM PORENBETONSEGMENT.

 

Deshalb vielleicht auch ist der Ytong Energy +, als Produktneuheit auf der Bau München 2015 vorgestellt, in Österreich gar nicht im Programm. Der Stein entspricht in den Wärmedämmwerten dem mit Mineralwolle verfüllten Wienerberger-Ziegel. Das schafft er mit einem Sandwichaufbau, dessen Kern eine Mineraldämm-platte aus Multipor enthält, ein durchwegs mineralischer Verbund und zu 100 Prozent recyclebar. Allerdings beschränken sich hier die Anwendungs-möglichkeiten auf den ein- bis zweigeschoßigen Bau und auch die lichte Geschoßhöhe ist mit ≤ 2,75 m eine Einschränkung. Dies resultiert aus der geringen Druckfestigkeit des Porenbetons bei 2,5 N/mm2.

 

BETONZIEGEL BISOGREEN VON BISOTHERM:

 

Etwas abseits und mit anderen Zielen stellt sich der Bisogreen®-Mauerstein von Bisotherm vor. Die Wärmedämmleistung wird hier zugunsten einer umweltschonenden Produktion aus Kalkhydrat und Naturbims hintangestellt.

 

ES ENTSTEHT EIN BESONDERS ÖKOLOGISCHER ZIEGEL MIT EINER HERAUSRAGENDEN ÖKOBILANZ UND RAUM- LUFTREGULIERENDEN EIGENSCHAFTEN.

 

Der λ-Wert liegt bei 0,09 W/mK, der U-Wert immerhin bei 0,17 W/ m2K (49 cm). Einzig die Druckfestigkeit ist hier mit 0,95 N/mm2 ein Schönheitsfehler, laut Erfahrungswerten bei Bisotherm ist aber auch der Geschoßbau mit einfacher Geometrie bis vier oder fünf Geschoße in der Regel durchaus realisierbar.

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KolumbaTM von Petersen Tegl, entwickelt mit Peter Zumthor für das
Museum Kolumba in Köln. Fotos: ©Hersteller


 

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Porotherm 50 W.i Plan,
verfüllt mit Mineral-wolle, U-Wert von 0,13 W/m²K (unverputzt).


 

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Bisogreen, ein ökologischer,
massiver Mauerwerksstein
aus Kalkhydrat
und Bims, U-Wert
bei 0,17 W/m2K (49 cm).
Fotos: ©raumPROBE


 

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Ytong Energy +, vor- gestellt auf der Bau
München 2015, Sandwich- stein mit Multipor Dämm- kern, U-Wert von 0,13 W/m2K (50 cm).