IM ZEICHEN DER MOBILITÄT

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Artikel erschienen im FORUM, Architektur & Bauforum, BAUEN 04/16


 

 

30 Meter über null markiert eine tellerförmige Aus- kragung den zukünftigen Heliport für Christophorus 9. 50 Zentimeter über seiner Landefläche wird der Heli-kopter zum Hangar schweben und schließlich von Hand auf einem Wagen in diesen hinein- und wieder heraus-geschoben werden. Drei Helikopter können sich am neuen Stützpunkt gleichzeitig aufhalten. Für das Chris-tophorus-Team ist eine kleine Wohneinheit im Hangar untergebracht. James Bond. Der Blick über die Landezone geht hinüber zum T-Center. Man spürt: Das hier ist auf Augenhöhe. Über die Schulter geschaut, sieht man die Kuppen der Gasometer. Wir sind im dritten Bezirk an der Tangente, auf dem Dach der neu entstehenden ÖAMTC-Zentrale von Pichler & Traupmann Architekten.


 

 

DER BAUSTELLENBESUCH IST, KURZ GESAGT, SPEKTAKULÄR.

 

Wie Zahnstocher tragen schräg gerichtete, zehn bis 18 Meter hohe Stützenbündel die Masse der weitauskragen-den Bürofinger. Vorgehängt umarmt eine Stahl-konstruktion, die später die Glasfassade tragen wird, die fünf Finger als Ringfassade. Den Kern bildet ein großzügiges Atrium, offen zu allen Geschoßen. Die Bewegungszonen fließen durch das Gebäude und über den Freiraum bis hinüber zum benachbarten Kundenzentrum der Wiener Linien und über dieses in die U3.

 

HIER WÄCHST EIN RAUMGEFÜGE ENTLANG DEN FEINSTEN ZÜGEN STÄDTEBAULICHER, ARCHI-TEKTONISCHER UND KONSTRUKTIVER KONZEP-TION. 

 

Die Jury notierte im Wettbewerbsprotokoll (2013) dazu: Den Architekten gelingt es, das komplexe Raumprogramm und die anspruchsvolle städtebauliche Situation scheinbar mühelos und souverän zu bewältigen.

 

SCHLÜSSELELEMENTE DES ENTWURFS SIND DIE STÄDTEBAULICHE POSITIONIERUNG, EINE KLARE ORDNUNG UND RÄUMLICHE INTERPRETATION DER SEHR UNTERSCHIEDLICHEN NUTZUNGEN, PRÄG-NANTE ARCHITEKTUR MIT SIGNALKRAFT, FLIES-SENDE WEGFÜHRUNGEN UND HÖCHSTE KONST-RUKTIVE ANSPRÜCHE.

 

Das heterogene Raumprogramm wurde von Pichler & Traupmann Architekten in einer vertikalen Abfolge gestapelt und als Figur einer Radfelge gleichend kom-pakt am Grundstück platziert. Die umrahmenden Grün-flächen sind weder gestaltete Restfläche noch Schau-garten, sondern elementarer Bestandteil des Erschlie-ßungskonzepts. An der südöstlichen Seite wird die Vorgabe zur Durchwegung des Grundstücks derart beant-wortet, dass eine neue Brücke zur Hochebene der benachbarten Wiener Linien spannt und zukünftig an die 800 Personen täglich direkt von der U3-Station Erdberg abholt, über einen großzügig gestalteten Platz führt und an der Baumgasse auf Straßenniveau wieder entlässt.

 

NORDWESTLICH ÜBERNIMMT EINE TERRASSIERTE GRÜNANLAGE DIE AUS DER RINGFASSADE KOM-MENDEN FLUCHTWEGE. ALLE FLUCHTWEGE IM GEBÄUDE FÜHREN IN DIESE UMLAUFENDE, VOR-GEHÄNGTE STAHL-GLAS-FASSADE. IM ZUSAM-MENSPIEL MIT DER TERRASSENANLAGE BEFREIT SIE DEN INNENRAUM VON DIESER AUFGABE.

 

Es fällt auf, dass insbesondere an der Baumgasse mit sehr sparsamem Flächenverbrauch geplant wurde, einen repräsentativen Vorplatz findet man nicht. Dies zu-gunsten einer baulichen Reservefläche, die zwei Drit-tel der Straßenfront für sich beanspruchen darf und dem ÖAMTC zur Erweiterung oder zum Verkauf dienen kann. Im Verzicht auf diese Fläche, die den Sichtbezug zur Baumgasse möglicherweise irgendwann baulich verstellt, wird deutlich,

 

… WIE KONSEQUENT FUNKTION UND INTERESSE DES BAUHERRN ARCHITEKTONISCH ÜBERSETZT WURDEN, DENN DER ÖAMTC IST MIT RUND 2 MILLIONEN MITGLIEDERN ÖSTERREICHS GRÖSS-TER VEREIN UND DIE TANGENTE MIT TÄGLICH AN DIE 170.000 FAHRZEUGEN DIE MEISTBEFAHRENE STRASSE ÖSTERREICHS. 

 

Dorthin orientiert sich das symbolhafte Gebäude mit der ringförmigen Glasfassade und dem Landeplatz des Christophorus. Mit ein Grund, weshalb die höchste Kote des Gebäudes bei exakt 35 Meter – an der Hochhaus-grenze – liegt. Von diesem Punkt aus wurde das Gebäude nach unten entwickelt.

Das Raumprogramm – beginnend mit Werkstatt, Schalter-halle, Empfang, Callcenter, Büros, und zuletzt dem Heliport – sind um einen zentralen Luftraum angeord-net, der vom Erdgeschoß und bis hinauf zum höchsten Punkt des Gebäudes offen und hell alle Etagen mitein-ander verbindet. Auch zu den Büroflächen hin gibt es keine Wände. Man kann ahnen, wie der lichtdurchflu-tete Rohbau dann in der Fertigstellung mit weißen Flächen noch heller und freundlicher strahlen wird. Einzig vom Atrium ausgeschlossen ist der Service-bereich im Untergeschoß. Dieser erfährt eine besondere Inszenierung.

 

PICHLER & TRAUPMANN ÜBERNEHMEN DAS BEWÄHRTE SYSTEM DES KREISVERKEHRS FÜR DIE LOGISTISCHE ABWICKLUNG VON SERVICE- ARBEITEN AN DEN KUNDENFAHRZEUGEN. SIE FÜHREN DIE AUTOS ENTLANG EINER RINGFÖRMIG ANGELEGTEN EINBAHN DURCH DAS UNTER-GESCHOSS UND FÄDELN DIE SERVICEPLÄTZE MIT IHREN MONTAGEGRUBEN UND HEBEBÜHNEN DIREKT ENTLANG DIESER FAHRBAHN AUF. EIN STOCKWERK DARÜBER, IN DER SCHALTERHALLE, BEGLEITET EIN RAUMHOHES PANORAMAFENS-TERBAND DIE ANLAGE.

 

So können die Kunden dem Werken an ihren Autos zu-sehen. Für so manchen – Groß und Klein – wird das sein wie ein Kinoerlebnis.

 

ABSEITS DER BEEINDRUCKENDEN ARCHITEKTUR SPIELEN BEI DIESER BAUSTELLE DIE KONSTRUK-TIVEN LÖSUNGEN DAS GROSSE KINO.

 

Bei FCP, Fritsch, Chiari & Parnter heißt es, man wäre dem Entwurf mit seinem schwebenden Körper anfangs eher skeptisch gegenübergestanden. Schließlich werden die drei- bis viergeschoßigen Bürofinger jeweils nur von sechs schräggestellten Stützen getragen, und auch die Ringfassade, als Fluchtweg berechnet mit einer Maxi-malbelastung von 800 Personen, ist über jeweils zirka 30 Meter von Bürofinger zu Bürofinger über eine Ge-samtlänge von 250 Metern gespannt. Allein die Fassade, sie lagert auf vier einbetonierten Stahlträgern pro Bürotrakt, konnte rechnerisch erst im vierten Anlauf als durchgehende Fachwerkskonstruktion gelöst werden. Für die schwebenden Bürofinger fand man die Antwort in einer Hängekonstruktion. Die höchstbewehrten Beton-stützen tragen einen Auswechslungsrost von 160 Zentimeter Höhe in der obersten Decke über dem sechsten Obergeschoß. Von diesem werden die darunter-liegenden Geschoße mittels Hängestützen entlang der Fassade abgehängt.
Nun lässt sich allerdings so ein Gebäude nicht von oben nach unten bauen, weshalb die Bürofinger voll-flächig bis zum Zeitpunkt der vollständigen Tragfä-higkeit des Brückentragwerks mit Rüsttürmen unterstellt werden mussten.

 

„WÜRDE MAN DIE RÜSTTÜRME (JE 2 X 2 METER) ANEINANDERREIHEN, WÜRDEN SIE SICH ÜBER EINE STRECKE VON ZEHN KILOMETER AUSDEH-NEN“, ERKLÄRT WOLF-DIETER DENK VON FCP. 

 

Gebaut wurde mit Druckbelastung, dann im Ausrüsten wurden Zugbelastung und Vorspannung in fünf der Säulen aktiviert. Essenziell für die Realisierbarkeit war auch der Einsatz von Cobiax-Verdrängungskugeln. Auch wenn der ökologische Aspekt der Luftkugeln wichtig ist und heute immer mehr in den Vordergrund gerückt wird, so zielte die Erfindung ursprünglich doch auf das Ingenieurwesen, denn über die Reduktion der Last sind weitere Spannweiten, schlankere Tragsysteme und letzt-lich auch kleinere Fundamente möglich. Im Falle der ÖAMTC-Zentrale wurden zirka 7.500 Quadratmeter Decken-fläche mit Cobiax belegt, zirka 1.000 Kubikmeter Beton eingespart, das entspricht in etwa 2.400 Tonnen Beton und 150 Tonnen CO2 (Angaben von C. Ramel, Cobiax). Bei FCP ist man überzeugt, dass über die Einsparungen der Betonmassen nicht nur die vorliegende statische Lösung erst möglich wurde, sondern auch die Kosten des Gebäudes gesenkt werden konnten.

 

BAUPHYSIKALISCH IST ZU ERWÄHNEN, DASS DER AUSDRÜCKLICHE BAUHERRENWUNSCH UM EINE BAUTEILAKTIVIERUNG IN DAS BAUWERK EINGE-FLOSSEN IST. MITTELS ENERGIEPFÄHLEN UND TIEFENSONDEN WIRD ERDWÄRME ZUM HEIZEN UND KÜHLEN DES GEBÄUDES ÜBER DIE BETON-DECKEN GEWONNEN.

 

Fertiggestellt soll das Mobilitätszentrum noch heuer werden, zum 120-Jahr-Jubiläum des ÖAMTC. Dabei wurde der Grundstein erst im Mai 2015 gelegt, die Gleichen-feier wurde im Dezember begangen. Bei Pichler & Traupmann Architekten arbeiten acht Leute daran. Auch im Büro des Statikers, bei FCP, heißt es, man wäre für das Projekt an die Grenzen gegangen. Dabei wird her-vorgehoben, dass die Planung vom Vorentwurf bis zur Ausführungsplanung durchgängig mittels BIM erfolgte. Architekturbüro und Ingenieurbüro füttern gleichzeitig eine gemeinsame Datenbank mit Informationen, die dann im 3D-Modell visualisiert werden und aus dem die Plan-dateien extrahiert werden. So in etwa.

 

OHNE DIESEN INTEGRATIVEN PLANUNGSABLAUF (BIM) UND DIE DARAUS RESULTIERENDE ZEITER-SPARNIS WÄRE DAS EINHALTEN DES ENGEN ZEIT-KORSETTS LAUT FCP NICHT MÖGLICH GEWESEN.

 

Die Ausführung liegt bei dem Grazer Bauunternehmen Gra-nit. Über den Totalunternehmer sagen Christoph Pichler und Hannes Traupmann, es sei natürlich nicht ganz einfach, wenn das Bauunternehmen gleichzeitig des Architekten Auftraggeber sei, aber man wolle sich nicht beklagen, auch Granit sei hier sehr um eine ent-wurfsgetreue Realisierung bemüht. So gebe es im We-sentlichen auch keine Änderungen gegenüber dem ur-sprünglichen Wettbewerbsbeitrag. Lediglich eine erste Erweiterung, ein zusätzlicher Bürofinger, sei in der Ausführung bereits vorgezogen worden. Zwei weitere Bürofinger sind statisch vorbereitet. Sie können den Bau jederzeit ergänzen und dann schließlich auch die Ringfassade tatsächlich zum Ring schließen.


 

 

PROJEKTDATEN

ÖAMTC Headquarters, Wien

 

BAUHERR: ÖAMTC-Zentrale, Wien 1

 

ARCHITEKT, GENERALPLANER: Pichler & Traupmann Architekten ZT GmbH

 

PLANUNGSBEGINN: 2013

 

BAUBEGINN: 2015

 

FERTIGSTELLUNG: 2016

 

GRUNDSTÜCKSFLÄCHE: 14.913 m²

 

NUTZFLÄCHE: 20.126,48 m²

 

BEBAUTE FLÄCHE: 9.277,65 m²

 

BGF: 27.000 m²

 

UMBAUTER RAUM: 160.630 m³

 

GP-KOORDINATION: FCP – Fritsch, Chiari & Partner ZT GmbH, Wien

 

TRAGWERKSPLANUNG: FCP – Fritsch, Chiari & Partner ZT GmbH, Wien

 

BAUPHYSIK, FASSADENPLANUNG: Dr. Pfeiler GmbH, Graz

 

BRANDSCHUTZ: Norbert Rabl ZT GmbH, Graz

 

HAUSTECHNIK/ELEKTROTECHNIK: Die Haustechniker Technisches Büro GmbH, Jennersdorf

 

PLANUNG HELIPORT: Ing. Günther Jakubec GmbH, Wien

 

VERMESSUNG: Dipl.-Ing. Johanna Fuchs-Stolitzka Ingenieurkonsule, Wien

 

LANDSCHAFTSPLANUNG: DnD

 

Landschaftsplanung ZT KG, Wien

 

WINDKOMFORT: Weatherpark GmbH, Wien

 

GEOTHERMIE: Dipl.-Ing. Michael Gollob ZT GmbH, Wien

 

GENERALUNTERNEHMER: Bauunternehmung Granit GmbH, Feldkirchen bei Graz

 

 


 

 

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Christoph Pichler, Johann Traupmann. Foto: Oskar Schmidt.


www.pxt.at


 

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ÖAMTC Zentrale von Pichler & Traupmann Architekten mit FCP Fritsch, Chiari & Partner und DnD Landschaftsplanung

Totalunternehmer: Bauunternehmung Granit.

Fotos: Toni Rappersberger


 

 

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Organisationsdiagram pxt Architekten.
UG: Service
EG: Schalter
1.OG: Eingang, Lobby, Konferenz
2.OG: Konferenz, Bistro, Callcenter
3.OG: Büro
4.-­6.OG: Büroregel-geschosse (Finge)
DG: Heliport mit Hangar


 

ÖAMTC-Zentrale_A_Lageplan

Nordöstlich ergänzt die terrassierte Grünanlage das außenliegende Ent- fluchtunssystem über
die Ringfassade, süd- östlich wird eine groß-zügige Druchwegung des Areals realisiert, von der Baumgasse hinauf zur vorgelagerten Terrasse über eine Brücke hinüber zur U3 Erdberg. Grünraumplanung: DnD Landschaftsplanung ZT KG.


 

 

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Symbolhaft zeigt sich die neue ÖAMTC Zentrale mit ihrer Ringfassade und dem Hubschrauberlandeplatz an der Tangente.


 

 

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Die Bürogeschosse hängen am Brückentragwerk über der Decke zum 6. Ober- geschoss. Der auf dem Bild erkennbare Stahl-betonrost misst 160 cm in der Höhe.


 

 

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Jeder Bürofinger wird von einem Bündel von nur sechs schräg gestellten hochbewehrten Stützen getragen (10 bis 18 Meter hoch). Die Ringfassade bildet ein außenliegendes Entfluchtungssystem und spannt von Finger zu Finger mit je ca. 30 Metern.


 

 

unterstellungen[1]

Vollflächige Unter-stellung mit Rüsttürmen bis zur Tragfähigkeit der Stützen und des Auswechs-lungsrosts.


 

 

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Scheinbar schwebende Baumasse. Zwei weitere Bürofinger sind für einen späteren Bauabschnitt vorbereitet.


 

 

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Ringfassade, auskragende Bürofinger und ein Blick in die Innereien einer Decke mit Cobiax Luft-kugeln.


 

 

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7.500 m2 der Deckenfläche sind mit Cobiax Verdrän-gungskörpern zur Entlas-tung der Konstruktion ausgeführt. Die Decken sind bauteilaktiviert.


 

 

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Serviceplätze in der Werkstatt mit Panorama-fenster in der Schalter-halle darüber.


 

 

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Lichtdurchflutete Ge-schosse. Nur der Liftturm und sechs Wandscheiben übernehmen die horizon-tale Aussteifung.


 

 

Planung-ÔÇô-Entwicklung-der-Tragsysteme[1]

Statisches Konzept:
die schräg gestellten Stützen tragen einen Auswechslungsrost am
Dach des 6. Obergeschos-ses, die darunter lie-genden Geschosse sind
von diesem abgehängt. Während der Bauphase: Druckbelastung, nach der Ausrüstung: Zugbelastung.