SHENZHEN – Planen und Bauen in China

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Artikel erschien im FORUM PLANEN März 2016, Seite 9-10


 

Erst kürzlich wurde der Nachlass von Hans Hollein an das Museum für angewandte Kunst und Architekturzentrum Wien verkauft. Das Az W erhielt den Auftrag zur Aufarbeitung und Archivierung von rund 400 Paletten künstlerischen und architektonischem Materials – während auf der anderen Seite der Weltkugel der SBF Tower in Shenzhen gerade im Rohbau fertig wurde.

 

CHRISTOPH MONSCHEIN, ZULETZT PARTNER DER HANS HOLLEIN & PARTNER ZTGMBH, BETREUT MIT SEINEM ARCHITEKTURBÜRO DIESEN PART DER ERBSCHAFT 

 

und gibt einen Einblick in das Projekt und in das Planen und Bauen in Shenzhen bzw. in China.

 

1979 hatte das damalige Fischerdorf Shenzhen 30.000 Einwohner. Heute sind es 15 Millionen. Das ist das Fünfhundertfache!

 

SHENZHEN, NÖRDLICH VON HONGKONG IM PEARL RIVER DELTA GELEGEN, GILT ALS DIE STADT MIT DEM SCHNELLSTEN WACHSTUM, DEM GRÖSSTEN BAUVOLUMEN ALSO. 

 

Eine Planstadt, insbesondere aus wirtschafts- politischer Sicht. Deng Xiaoping, Machthaber in China 1979-97, erklärte das Dorf 1980 zur Stadt und zur Sonderwirtschaftszone neben der damals noch Britischen Kolonie Hongkong. Shenzhen sollte sich dem Ausland gegenüber öffnen, im Windschatten Hongkongs groß werden.

 

„LASST DEN WESTWIND HEREIN. REICHTUM IST RUHMVOLL“ WAR DENGS PAROLE FÜR EINEN MODERNISIERUNGSKURS, DER SICH HIER IM PEARL RIVER DELTA MANIFESTIEREN SOLLTE.

 

So war auch der Architekturimport Teil des Wirtschafts-programms. Um Rem Koolhaas’ Shenzhen-Stock-Exchange-Gebäude scharen sich Namen wie BIG, Steven Holl, Coop Himmelb(l)au oder Hans Hollein, der Flughafen ist von Fuksas, das neue, in Bau befindliche Kulturzentrum von Mecanoo.

 

Christoph Monschein blickt zurück auf eine Wettbewerbs-teilnahme im Jahr 2009. Vier Bürotürme sollten um die neue Börse in Shenzhen von Rem Koolhaas errichtet werden.

 

DER EINGEREICHTE ENTWURF KONNTE NICHT ÜBERZEUGEN, TROTZDEM WURDE DAS BÜRO HOLLEIN MONSCHEIN ÜBER EINEN WETTBEWERBSSIEG INFORMIERT: DAS PROJEKT GEFALLE NICHT, MAN MÖGE EINEN NEUEN ENTWURF VORLEGEN, MAN HABE EINEN STANDORT, EINEN TURM ZUR REALISIERUNG GEWONNEN. 

 

China, Land des Lächelns. Nach mehreren Entwürfen und mehreren Reisen fanden die Bauherren schließlich Gefallen an einem Projekt, dessen initiale Entwurfsskizze seit den Sechzigerjahren in Holleins Schubladen lagerte, von Monschein wiederentdeckt, wiederbelebt. Beauftragt wurde die Planung mit der Vorgabe einer Leed-Zertifizierung in Gold.

 

NEBEN DEM INTERNATIONALEN ARCHITEKTURBÜRO GIBT DAS INTERNATIONAL ANERKANNTE LEED-ZERTIFIKAT DEN INVESTOREN EINE SICHERHEIT. OHNE ZERTIFIKAT WIRD IN SHENZHEN GENERELL NICHT MEHR INVESTIERT, GOLD GILT ALS UNTERGRENZE, PLATIN WIRD BEVORZUGT.

 

Drei Planbücher mit je zirka 600 Seiten wurden erarbeitet. Sketch Design (SD), Design Development (DD) und Working Drawings (WD). Darin ist alles enthalten, vom Rohbau bis zum Fugenbild, jedes Detail ist bestimmt und verhandelt, auch die zweischalige Gebäudehülle, die als solche laut Christoph Monschein überhaupt erstmals in China ausgeführt werden wird. Das mag wenig spektakulär klingen, ist es aber, in Anbetracht der gegebenen Bauordnung, die alle zur Option stehenden Normdetails zeichnerisch detailliert vorlegt. Jede Abweichung bedarf einer gesonderten Zertifizierung.

 

DAS PLANVOLUMEN BILDET GEGENSTAND DES VERTRAGS MIT DEM BAUUNTERNEHMEN. SO WIRD DANN GEBAUT, DARAUF WILL MAN SICH VERLASSEN, DENN SCHLIESSLICH WÜRDE DER BAUUNTERNEHMER ANSONSTEN JA VERTRAGSBRÜCHIG.

 

Es sei wichtig, erklärt Monschein, zu akzeptieren, dass die Planung früh schon zu 100 Prozent übergeben werde. Das Prozedere erinnert an die Arbeit an einem Bühnenbild. Nach einer kurzen Planungsphase von etwa drei Wochen werden die Pläne eines Bühnenbilds an die Werkstätten übergeben, inklusive Materialproben. Wochen später, am Tag der Generalprobe, ein oder zwei Tage vor der Premiere, steht man als Planer dem ausgeführten Werk dann erstmals gegenüber.

 

CHRISTOPH MONSCHEIN WIRD DEN SBF TOWER IN DER FERTIGSTELLUNGSPHASE WIEDER SEHEN. DER ROHBAU IST ABGESCHLOSSEN.

 

Der SBF-Turm ist im Grundriss ein Quadrat mit 45 Metern Seitenlänge. Im Konzept wechseln sich jeweils sechs kompakte, geschlossene Regelgeschoße mit umhüllender Glasfassade mit sechs Geschoßen einer offen gestalteten urbanen Landschaft ab.

 

HIER WACHSEN BÄUME, UND LED-SCREENS BRINGEN BROADWAYFEELING IN DIE ETAGEN.

 

Drei Stockwerke werden pro Monat errichtet. Shenzhen ist auf schnelles Wachstum getrimmt. Das bedeutet konkret: Vereinfachung der Details, Pragmatismus in der Umsetzung. Durchbrüche zum Beispiel werden vermieden. Platz nach oben hin ist genug. So beträgt die Geschoßhöhe 4,5 Meter, wovon 1,5 Meter für die Deckenkonstruktion verwendet werden. Der Hohlraum dient der Haustechnik. Umgekehrt allerdings gilt es, beim Gang aufs WC eine Stufe zu betreten. Die Standardtoiletten – Squat Toilets, zu Deutsch: Hocktoiletten – benötigen eine zusätzliche Aufbauhöhe für das in den Boden eingelassene Auffangbecken. Auf eine Absenkung der Deckenplatte für eine bodengleiche Ausführung wird verzichtet, das Bodenniveau angehoben. Pro Geschoß gibt es im SBF Tower übrigens auch eine „normale“ Toilette.

 

GENERELL WIRD DEN OBERFLÄCHEN IN CHINA OBERFLÄCHLICH ENTGEGENGETRETEN. ALLES IST MÖGLICH. 

 

Entschieden wird anhand von Bildern. Wenn es in Österreich eher als Entscheidungs- oder gar Entwurfsschwäche des Bauherrn ausgelegt wird, zwei oder drei Optionen vorzulegen, so ist dies in China vielmehr eine grundlegende Erfordernis der planerischen Dienstleistung. Dem Bauherrn kommt das Privileg der Wahl zu. Ausschreibungen werden abstrakt formuliert. Konkret genannte Hersteller werden in der Beauftragung ausgeschlossen, zu aufdringlich ist der Verdacht auf Schmiergelder und Korruption. Geld dagegen spiele weniger eine Rolle, meint Monschein, wobei gerade europäische Produkte und Materialien, zum Beispiel italienischer Marmor, in China zu Spottpreisen eingekauft werden können.

 

FERTIGGESTELLT WIRD DER SBF TOWER 2017.

 

Spätestens dann wird Christoph Monschein erstmals am Fuksas-Flughafen in Shenzhen anstelle von Hongkong landen und evaluieren können, wie getreu das chinesische Partnerbüro SADI die Planung umgesetzt hat.


 

 

PROJEKTDATEN

SBF TOWER, Bürohochhaus, Shenzhen, China

BAUHERR: Southern Asset Management Co. Ltd. Bosera Asset Management Co. Ltd

ARCHITEKTEN: Hans Hollein | Christoph Monschein

VERTRETER VOR ORT:  His a-Wei Wang

ARCHITEKT VOR ORT: SADI, Shenzhen General Institute of Architecture Design and Research Konsulent

NIEDRIGENERGIEFASSADE: Werner Sobek

WETTBEWERB: 2009

FERTIGSTELLUNG: 2016

KUNDE: Southern Asset Management Co. Ltd. Bosera Asset Management Co. Ltd.

NUTZFLÄCHE: 80.000 m² Büroflächen   

HÖHE: 200 m

ETAGEN: 42

 

Der Büroturm steht an einer strategisch besonders wichtigen Position in der Stadttextur von Shenzhen. Er liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zum Rathaus, am Schnittpunkt der zwei wichtigsten Stadtschnellstraßen, dort nimmt er im zentralen Geschäftsquartier die Poleposition ein. Das Entwurfskonzept des Hochhauses steht im starken Kontrast zu allen anderen Hochhäusern in der Umgebung. Der Turm ist vertikal stark skulptural gegliedert. Integrierte Gärten geben dem Gebäude eine Erscheinung, die von einem alternativen Arbeitsstil und von Nachhaltigkeit erzählt.

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Architekt Christoph Monschein, Foto: MetzgerMensch


 

 

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Die Grundsteinlegung in China wird zelebriert. An den Feierlichkeiten im Jänner 2011 nahmen die Architekten Hans Hollein und Christoph Monschein, der österreichische Handelsdelegierte für Südchina, Christian Schierer, die Bauherren – die chinesischen Staats-banken Southern Fund und Bosera Fund – und ca. 200 Gäste teil. Foto: Christoph Monschein


 

 

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Den Rohbau wird eine eigens für den SBF Tower zertifizierte zwei- schalige Glasfassade einkleiden.


 

 

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Ausblick aus dem 35. Stock. 


 

 

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Baustellenvisite von Christoph Monschein im Dezember 2015.


 

 

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Der 40 Stockwerke hohe SBF Tower inkludiert Freiraumzonen, die sich über mehrere Geschosse großzügig ausbreiten.


 

 

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Grundriss Büro-„Box“-Geschoß.


 

 

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Geschoß Skygarden. Pläne und Renderings: Archiv Hans Hollein


 

 

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Die Fertigstellung ist geplant für 2017. Fotos: Christoph Monschein und Archiv Hans Hollein